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Beobachtungen aus Göteborg

 

 

Die Göteborger wohnen in schicken Häusern, meist außen wie innen reichlich verziert, dem Rokoko nicht unähnlich, und schön für das Auge zu betrachten. Trotzdem verlassen alle (sprich: alle) Göteborger genau zu den Öffnungszeiten der Geschäfte ihre Häuser, um in den Straßen zu flanieren, in Cafés und Pubs zu sitzen und zu plaudern. Und zum Schoppen. Die Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag von 10 bis 20 Uhr, Samstag von 10 bis 16 Uhr und Sonntag von 12 bis 16 Uhr. Öffentliche Wohnzimmer gibt es überall, jeder Göteborger braucht nur sein Treppenhaus hinunter zu gehen und schon befindet er sich in einem Lokal. Praktisch ist in jedes Haus ein Lokal unten hineingebaut. Ausnahmen bilden nur Friseurläden, die in etwa jedes vierte Haus eingenistet sind. Praktischer Weise ist oft der Wohnungs- zugleich der Lokalinhaber. Das hat den Vorteil, dass die Göteborger wenig bis keine langen Strecken zu überwinden haben, weshalb der Verkehr absolut erträglich ist, Stau ist in und um Göteborg ausgeschlossen. Zumindest an Land.

Auf See ist das anders: Die Göteborger, immer schon erfahrene Seeleute - bis in die 1970er Jahre war Göteborg die bedeutendste Schiffswerftenfabrikstadt der Welt - haben die Göteborger ein genetisch verankertes Gespür für den Sonnenstand und die Sonneneinstrahlung. Die erdgeschoßigen Wohnzimmer wachsen je nach Jahreszeit auf den Gehsteig hinaus und werden je nach Sonnenstand geöffnet und besetzt. So öffnen am Vormittag die Cafés auf der linken Seite der Linnegatan (in Richtung zum Meer betrachtet) und gegen Mittag dann die auf der rechten Seite, zur Mittagesstoßzeit sind beide Seiten geöffnet. Auch die Lokale in der Mitte von Plätzen haben durchgehend von Sonnenauf- bis -untergang geöffnet. Einzelne Ausreißer überbrücken durch Zurverfügungstellen von Wolldecken, die von Lokal zu Lokal unterschiedliche Farben aufweisen, aber immer einfärbig sind. So bleiben die Leute sitzen, auch wenn schon der kühle Schatten über die Straßenseite hereingebrochen ist und erfrieren nicht.

Es muss deshalb so viele Lokale geben, weil immer nur knapp die Hälfte davon geöffnet ist. Siehe oben.

Der positive Nebeneffekt der großen Anzahl an Lokalen ist, dass sieben von zehn Sterneköchen Schwedens aus Göteborg stammen. Konkurrenz belebt.

In den Lokalen wird die Konsumation niemals bei einem Kellner oder einer Kellnerin geordert, diesen Beruf scheint es in Göteborg gar nicht zu geben, sondern die Göteborger fädeln sich hintereinander auf und die bestellende Schlange wird an ihrem Kopfende von ein oder mehreren sehr freundlichen Damen und Herren an der Budel abgearbeitet. Die Bedienten verlassen, selber zu mehr oder weniger geschickten Kellnern mutierend, mit kleinen Tablettchen, Besteck in der Hosentasche, Papierservietten in der Brusttasche, die Budel und künsteln zu den Tischen, je nach Wetterlage drinnen oder draußen, meistens draußen, vom vorhin beschriebenen Instinkt getrieben, in Richtung zur Sonne sitzend. Auch wenn sie gerade nicht scheint, sie könnte ja.

Die Göteborger haben einen derart perfekten Instinkt für die Sonneneinstrahlung entwickelt, weil im Winter davon extremer Mangel herrscht. Anders als im Tropengürtel des Äquators scheint im Norden die Sonne oft monatelang nur ganz wenige Stunden am Tag, ca. 1 ½ bis 2, der Rest ist Finsternis. Diese karge Zeitspanne muss natürlich optimal genutzt werden und für dieses Zeitfenster muss man sich den rechten, von Häusern unverstellten Sonnenplatz suchen. Dafür braucht man Seefahrerkenntnisse.

Göteborger sind das einzige Volk der Erde, das sich in einem Schinakel, ohne jegliche Instrumente, nur nach der Sonnen orientierend, um die Welt segeln traut. Diese Kenntnisse haben ihnen auch bei der Auslieferung der in den Werften erzeugten Schiffe genutzt, und sie sind zur größten der Welt aufgestiegen, wie schon zuvor erwähnt, weil sie sämtliche Bestellungen treffsicher in die ganze Welt zustellen können, womit andere Schiffsfabriken, besonders die Venezianischen, ihre liebe Not hatten. Während die Göteborger jedes Schiff übergeben konnten, mussten in Venedig Tausende davon gefertigt werden, um wenigstens ein paar tatsächlich an die neuen Besitzer übergeben zu können. Das hat dann zum Untergang der Serenissima geführt, zu unproduktiv, zu ineffizient waren deren Werften. Sagt man.

Die Göteborger Werften konnten auch deutlich günstiger kalkulieren, obwohl deren Lohnkosten weit über den venezianischen lagen. Während ein Göteborger Werftarbeiter mindestens den Gegenwert eines Lachses am Tag verdient hat, war es für den venezianischen ein Teller Spagetti und ein Ombre. Die venezianischen Galeeren wurden auch immer kleiner und wendiger, die Göteborger haben zuletzt Schiffe mit 500.000 BRT gebaut, aus Stahl, als es kein Holz mehr gab. Die Venezianer hatten keinen Stahl, nur Glas, und das hat sich für den Schiffbau als nicht geeignet erwiesen. Die Unglücke waren verheerend. Vor lauter Ärger wurden die Glasfabriken nach Murano verbannt und durften nur noch für Touristen fertigen, eine ordentliche Demütigung für die Erzeuger, die sie kompensierten, als sie die Glasartikel aus China zu importieren begannen und den Touristen als original Murano verkauften. Und so tun sie es noch heute.

Ironie des Schicksals: Die chinesischen Glaswaren werden auf Containerschiffen aus Göteborg nach Venedig transportiert. Mit Kapitänen aus Göteborg, die den Weg finden.

 

 

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