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Grado

 

 

GradoIn den Monaten April bis Juni strömen die Österreicher an den Wochenenden - besonders an den mittels Feiertags verlängerten - gerne an die Adria, um die Zeit zwischen Winter und Sommer ein wenig abzukürzen. Weil wenn das Wetter bei uns weder Fisch noch  Fleisch ist, ist es in Grado schon Spagetti.

Natürlich muss man so eine Reise zuerst einmal rechtfertigen. Als Alibi eignen sich beispielsweise die Ausgrabungen von Aquileia, das Schloss Miramare bei Triest, die Festungsstadt Palmanova, das geteilte Görz (italienisch Gorizia, slowenisch Nova Gorica) und das eine Autostunde entfernte Venedig. Viel lustiger ist es aber zuzusehen, wie ein kleiner Bub die Tauben füttert, um sie dann in Allianz mit dem Dackel (aber unkoordiniert) zu jagen. Oder man nimmt einfach die Altstadt von Grado her.

Grado

Die Hauptbeschäftigung ist aber das Sitzen vor einem der zahlreichen Cafés in derFußgängerzone von Grado, womit in einem Aufwaschen gleich mehrere Unterbeschäftigungen erledigt werden. Erstens wäre da das Beobachten der Leute, das man durch Aufsetzen einer Sonnenbrille unbemerkt gestalten kann, wenn man will. Kommt einem eine Person bekannt vor, wird ihr der Name der vermeintlichen Person verliehen. Käme beispielsweise eine Person vorbei, die meinem Freund Hermann auch nur entfernt ähnlich sähe, dann hieße diese Person umgehend Hermann. Spaziert diese Person gelegentlich wieder vorbei oder treffe ich sie irgendwo am nächsten Tag, dann sage ich: Schau, der Hermann. Zweitens wird italienisches Lebensgefühl durch den abwechselnden Konsum von Cappuccino und Gingerino inhaliert, was aber angesichts der zahlreichen Italienläden daheim an Bedeutung verloren hat. Drittens aber wird das Gesicht gebräunt, was nicht unerheblich für das Aufkommen von Neid bei den Daheimgebliebenen ist. Viertens wird - wie in Kaffeehäusern üblich - durch gemeinsamen Parlierens das Weltgeschehen erklärt. Man bedient sich zwecks Zusammenfassung gerne sogenannter "Also-Sätze", das sind Sätze, die mit "Also" beginnen, worauf gleich ein Komma kommt, wodurch die Wichtigkeit des Folgenden unterstrichen wird. Also, ich muss sagen, das Grün ist hier besonders grün.

Apropos Parlieren: Zu Zeiten der Habsburger war Grado das K.u.K.-Seebad mit Eisenbahnanbindung an Wien. Grado ist tief mitteleuropäisch und es werden neben Italienisch auch Slowenisch, Deutsch und Friulenisch, eine rätoromanische Sprache, gesprochen. Die Österreicher führen gerne ihre Kenntnisse in Italienisch äußerln. Uno kappudschieno Ober. Würden nicht wenigstens die Einheimischen deutsch reden, große Missverständnisse wären die Folge. Ich bin jedenfalls zufrieden, wenn man mich nicht gleich als Österreicher identifiziert und wenigstens in englisch antwortet.

Die zweite Hauptbeschäftigung mit der Unterbeschäftigung des Neiderzeugens ist Einkaufen, aber nicht um zu überleben, sondern die Freude am Überfluss, die wohlverdiente Belohnung, kurz gesagt, die reine Lust. In Grado haben die Geschäfte auch sonntags geöffnet. Samstags oder wochentags klappert man die großen Zentren der Umgebung ab, die sich zu Haufe an den Ausfahrtsstraßen größerer Städte niedergelassen haben. Für Häuslbauer ist beispielsweise die Bundesstraße S56 zwischen Udine und Gorizia ein heißer Tipp. Zwischen diesen beiden Orten liegt Cormons, was wiederum für Weinliebhaber wichtig ist. Mir schmecken besonders die Weine der Kellerei Zuppichini (im Zentrum von Cormons zu finden). Die wichtigsten Sorten sind Sauvignon, Tocai, Pinot grigio und Chardonnay (weiß), sowie Merlot und Cabernet (rot).

Grado

GradoHier ein paar wichtige Brocken für den Profishopper: Arredamenti (Möbel und Hausrat), vendita diretta (Ab-Hof-Verkauf), abbigliamento (Kleidung), alimentari (Lebensmittel), calzature (Schuhe), centro pelle (Lederwaren), ceramiche (Fliesen, Bäder, teilweise auch Küchen und Kamine), mobili (dreimal dürfen Sie raten). Steht irgendwo "centro commerciale", dann nichts wie hin, dort gibt es alles. Ein besonders großes ist das "Centro Piave" in San Dona di Piave. Und wenn Sie im Geschäft nicht diskutieren sondern nur gustieren wollen, dann sagen Sie "solo vedere prego". Seit der Öffnung der Grenzen brauchen Sie sich über die eingekauften Mengen keine Gedanken mehr zu machen. Bungee jumping musste erfunden werden, um den fehlenden Nervenkitzel an der Grenze zu kompensieren.

Die dritte Hauptbeschäftigung mit der Unterbeschäftigung der Gewichtszunahme ist Essen und Trinken. Dafür eignet sich u.a. die Trattoria "Da Nando" in Mortegliano, rund 10 km südwestlich von Udine. Nehmen Sie sich mindestens vier Stunden Zeit und kosten Sie sich durch die Spezialitäten der friulanischen Küche. Rund zwölf Gänge inklusive Wein kosten für zwei Personen weniger als tausend Schilling. Wer da bereits ein Kind zur Welt gebracht hat und besondere Atemtechniken beherrscht, ist im Vorteil. Mit dem Ablegen des Winterspecks ist es aber für ein paar Tage essig. (Trattoria "Da Nando", Herr Nando Uanetto, Via Divisione Julia 4, 33050 Mortegliano (UD), Telefon und Fax 0039 0432 760187, Sonntag abends und dienstags geschlossen. Tischreservierung empfohlen, www.danando.it).

Besonders hervorragend isst (und wohnt) man bei Carla Tomaselli im Hotel Diana.Ihr Vater hat das Haus 1933 gekauft, eine Entscheidung von nur fünf Minuten, erzählt Carla. Das Hotel hatte damals neun Zimmer und lag am Ortsende von Grado und heute - ohne, dass es verrutscht wäre - liegt es sonderbarerweise mitten in der Fußgängerzone. Aber Grado war damals auch noch eine echte Insel und wurde erst 1937 durch einen Damm und eine Brücke mit dem Festland verbunden. Carla führt das Hotel gemeinsam mit Tochter, Schwiegersohn und den beiden Enkeltöchtern, alle nach mehrjährigen Auslandsaufenthalten in den Schoß der Familie zurückgekehrt. Und genau so fühlt man sich, wenn man die Schwelle des Hotels überschreitet: man gehört plötzlich zur Familie und fühlt sich wohl. (Hotel Diana ****, Familie Tomaselli, Via G. Verdi 3, 34073 Grado (GO), Telefon 0039 0431 82247, Fax 83330, www.hoteldiana.it, e-mail: info@hoteldiana.it, geöffnet von März bis November).

 

 

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