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Karpathos

 

 

Im Sommer begeben sich die Österreicher zu den Flughäfen, um auf geheimnisvolle Weise in verschiedene Flugzeuge sortiert zu den Inseln des Südens geflogen zu werden.

Eine dieser Inseln ist Karpathos, die von den Piloten gerne angeflogen wird, weil sie wegen des 1215 Meter hohen Kali Limni schon von Weitem zu sehen ist und deshalb sehr leicht zu finden ist. Deshalb fliegen viele Piloten nach Karpathos, bei den Passagieren ist es reiner Zufall.

Auf der Insel angekommen werden die Passagiere in kleineren Einheiten auf diverse Autobusse aufsortiert und in ihre an den Stränden gelegenen Unterkünfte verfrachtet, in denen sie eine oder zwei Wochen verbringen, bis das Spektakel in umgekehrter Richtung seinen Lauf nimmt.

Leider bringen die vielen Mietwagenvermieterunternehmer das Gefüge gehörig durcheinander. Neuerdings nehmen sich die Touris nämlich gerne Auto oder Moped und verbringen den Tag an einem anderen Touris zugeteilten Strand. Da das aber so viele machen, gleicht es sich inselweit wieder aus und die Insel bleibt waagerecht im Mittelmeer liegen. Ansonsten bestünde die Gefahr des Kenterns an der Nord-Süd-Achse.

Tatsächlich ist es so, dass der meiste Verkehr von den Mietwagen der Touris verursacht wird, zumindest an den Küstenstraßen.

Die Inselregierung beugt dem insofern vor, indem sie an von einem komplizierten Computerprogramm errechneten Orten eine genau vorberechnete Anzahl an Liegestühlen und Sonnenschirmen aufstellt.

Damit die Insel mit den vielen Touris nicht zu schwer wird, stehen in den Häfen Ausflugsboote bereit. So befinden sich immer eine ausreichende Anzahl an Touris auf den Booten im Mittelmeer und die Insel wird entlastet.

Die Erde ist nämlich keine Scheibe, sondern - wie wir in jedem Atlas nachlesen können - ein Rechteck. Am Ende angelangt, fällt man nicht in die Hölle sondern man blättert um und eine neue Welt tut sich auf.

Abends, nach eine kurzen Phase des Sich-heraus-Putzens, begeben sich die Touris in die verschiedenen Tavernen und Speiselokale. Wieder sind die Stühle und Tische computertechnisch kalkuliert. Unschärfen bilden nur die Kleinkinder ohne Sitzplatz, die aber kaum ins Gewicht fallen und die Insel niemals zum Kentern bringen könnten.

Auf Karpathos gibt es etwa 200 Tavernen und öffentliche Speisestätten. Als gelernter Tourist unterscheidet man grundsätzlich zwei Arten: Solche, wo es möglich, ja erwünscht ist, in die Küche zu gehen, um nach dem Gekochten zu sehen, und solchen, wo dies meist aus Gründen der Rationalisierung nicht oder nicht mehr möglich ist. Oder weil man sich dort nicht mehr in die Küche schauen lassen will.

Meiner Erfahrung nach wird die erste, traditionelle Gattung bevorzugt und die Gäste erfinden sogar zusätzlich Gründe, um noch später, nachdem die Speisefolge bereits gewählt ist und teilweise vertilgt ist, in die Küche zu spähen. Sie trinken den Wein rascher aus, um sich Nachschub zu holen oder sie gehen mit der gerade erst servierten gegrillten Gemüsemischung zurück in die Küche, um - obwohl perfekt gewürzt -zusätzliches Oregano zu erfragen.

So kommt es zuweilen vor, dass sich in der Küche der Taverne genau so viele Gäste tummeln, wie auf den Plätzen davor, wo man gespannt auf die Berichte aus der Küche wartet.

Jedes Mal wenn ein Flugzeug auf der Insel landet, muss die selbe Anzahl an Touris aus- wie einsteigen. Da das Flugzeug wöchentlich nur von Mai bis Oktober fliegt, muss die letzte Ladung Ankömmlinge den Winter über auf der Insel bleiben und wird erst mit dem ersten Flugzeug im Mai wieder ausgetauscht. Alles wegen dem Gleichgewicht. Diese letzte Gruppe sind die so genannten Aussteiger und können eigentlich nicht mehr als Touristen bezeichnet werden, weil sie zur Olivenernte und zur Renovierung der Unterkünfte der Touris eingesetzt werden. Dass sie als Aussteiger gar nichts täten ist ein Mythos, der im Land ihrer Herkunft nur deshalb aufrecht erhalten wird, damit die Insel nicht kentert.

Nehmen Sie Ihre Nase mit. Die ganze Insel duftet nach Salbei, Thymian, Oregano und Rosmarin und oft sieht man Ziegen und Schafe, die sich die frischen Kräuter schmecken lassen und die ihrerseits deshalb so gut schmecken, was sie aber nicht wissen, denn wüssten sie´s, ich denke, sie würden Gras fressen. Fressen und gefressen werden.

Nehmen Sie Ihren Pullover mit. Das pünktlich am 1. Juli entstehende Hoch über den Azoren und Tief über dem Persischen Golf beschert der Ägäis einen steten Wind aus dem Norden, den Meltemi, für den die Griechen drei verschiedene Bezeichnungen haben: Kareklaris, wenn nur Stühle umfallen (Karekla = Stuhl), Trapezaris, wenn die Tische fliegen (Trapeza = Tisch) und Kambanaris, wenn er sogar die Glocken zum Läuten bringt (Kambana = Kirchenglocke). Den Touris bringt der Meltemi angenehmes Empfinden der hohen Temperaturen. Man benötigt zwar abends oft einen Pullover, kann dafür aber gut schlafen.

Karpathos ist groß genug, dass man sich nicht ständig zu nahe kommt, als wäre man in der einzigen Sauna einer Großstadt im Winter und doch so klein, dass man ab und zu Personen wieder trifft. Spätestens am Samstag Vormittag in einem der zahlreichen Kafenions am Hafen von Pigadia. Kalimera grüßen einander die Touris am Morgen. Die Griechen sagen Hello, Hallo oder Ciao. Am Abend sagen die Touris Kalispera für Guten Abend. Dazwischen sagt man nichts, weil zwischen 14 und 18 Uhr ist Ruhe.

Wenn Sie mehr über Karpathos wissen wollen: Karpathos, Antje und Gunther Schwab, Michael Müller Verlag, Erlangen.

 

 

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